Der Streit zwischen Horus und Seth

Der Mythos schließt sich eigentlich direkt an den "Osiris-Mythos" an und ist uns in zahlreichen Varianten und Geschichten erhalten geblieben. Hier wird eine gekürzte Fassung von einem Text aus der Zeit Ramses V. (etwa 1160 v.Chr.) erzählt. Die Überschriften sind willkürlich gewählt, um den Mythos ein wenig zu unterteilen.

Das Tribunal

Als Horus erwachsen geworden war, beschloss er Anspruch auf den ägyptischen Thron zu erheben, denn immerhin war er der legitime Sohn des früheren Herrschers Osiris, der nur durch Seths Machthunger getötet wurde. Aber da hieß es erst einmal, seinen Onkel Seth vom Thron zu stoßen und so wandte er sich an ein Tribunal, dem die wichtigsten Götter unter dem Vorsitz des Sonnengottes Re angehörten. Horus' Großvater Schu und der Weisheitsgott Thot unterstützten ihn in seinem Vorhaben. Isis glaubte ihren Sohn schon sicher auf dem Thron Ägyptens zu sehen und schickte den Nordwind in die Unterwelt, um Osiris die gute Nachricht zu überbringen.
Aber Re war sich nicht sicher, ob Horus der richtige Herrscher wäre. Er ist zwar der Nachfolger seines Vaters Osiris, aber Seths Herrschaft ist immerhin durch seine Macht und Stärke berechtigt.
Seth schlug vor, den Streit außerhalb des Gerichtssaales bei einer Kraftprobe zu entscheiden, was aber von Thot abgelehnt wurde. Die nächsten 80 Jahre geschah nun gar nichts. Als die Geduld des Gerichtes zu Ende war, fragte man die Göttin Neith um Rat. Sie stellte sich mit der Begründung der Erbfolge auf Horus' Seite, schlug aber gleichzeitig vor, Seth durch die beiden Töchter des Re Anat und Astarte zu entschädigen.
Das Gericht war einverstanden aber Re war da ganz anderer Meinung. Er nannte Horus einen Schwächling, der keine Autorität zum König hätte. Daraufhin machte ein unbedeutender Gott sich lustig über Re, so dass er beleidigt abzog. Seiner Tochter Hathor gelang es aber ihn zurückzuholen, indem sie sich vor ihm auszog und seine Freude über ihre Schönheit weckte.
Nun brachten Seth und Horus noch mal ihre Thronansprüche vor. Seth war der Meinung, dass er genau der Richtige wäre, weil er so stark und mächtig ist, die große Apophisschlange jeden Tag zu besiegen und somit das Chaos zu verhindern. Horus unterstrich noch mal seine Legitimität als rechtmäßiger Nachfolger seines Vaters Osiris. Isis schaltete sich zu Gunsten ihres Sohnes Horus ein, was Seth so sehr erzürnte, dass er drohte jeden Tag einen Gott zu töten und kein Gericht anzuerkennen, dem Isis beigehörte. Deswegen verlegte Re den Gerichtshof auf eine abgelegene Insel und befahl den Fährmann Nemty niemanden, der Isis auch nur ein wenig ähnelte auf die Insel zu lassen.

Isis' List

Isis wollte unbedingt auf die Insel und verwandelte sich in eine alte Frau, steckte einen goldenen Ring um den Finger und nahm eine Schüssel Mehl unter den Arm. So bestückt machte sie sich auf zur Fähre und bat Nemty sie auf die Insel zu bringen, der sich aber strickt dagegen weigerte. Isis flehte ihn an und sagte, sie müsse dringend einem jungen Hirten etwas zu essen bringen. Letztendlich ließ sich Nemty doch überzeugen und forderte als Gegenleistung den goldenen Ring.
Auf der Insel angekommen wartete Isis bis die Götter bei ihren Verhandlungen eine Pause einlegten, verwandelte sich in eine schöne Frau und näherte sich in ihrer neuen Gestalt Seth, der auch sofort Gefallen an ihr fand. Isis gab sich als Witwe aus, deren Sohn von einem Fremden bedroht wird, der ihm die väterliche Herde wegnehmen und aus dem väterlichen Haus vertreiben will. Seth war empört über das Verhalten des Fremden und stellte sich auf die Seite des Sohnes. In diesem Moment verwandelte sich Isis in ein Sperberweibchen und flog zum nächsten Baum, wo sie Seth vorwarf sein eigenes Verhalten gegenüber Horus und Osiris verurteilt zu haben. Unter Tränen berichtete Seth Re was vorgefallen war. Der Sonnengott empfand aber kein großes Mitleid mit ihm. Dem Fährmann Nemty wurden zur Strafe die vorderen Glieder seiner Beine abgerissen und er schwor sich nie wieder vom Gold verleiten zu lassen.

Der Wettkampf

Das Gericht wurde in die westliche Wüste verlegt, wo die Götter Horus als rechtmäßigen Thronfolger bestätigten. Seth erhob Einspruch gegen das Urteil und forderte Horus auf in einem Wettkampf seine Kraft zu beweisen.
Seth schlug vor, dass sich beide in Nilpferde verwandeln und drei Monate unter Wasser aushalten sollen. Wer eher auftaucht, verliert den Thronanspruch. Horus war einverstanden. Nach einer Weile sorgte sich Isis so sehr um ihren Sohn, dass sie eine Harpune anfertigte. Unglücklicherweise wurde Horus aber mit der ersten Harpune getroffen. Sofort entfernte sie diese durch Magie. Der zweite Wurf traf dann endlich Seth, der Isis darum bat ihn zu verschonen. Immerhin sind die beiden Bruder und Schwester. Isis empfand Mitleid mit Seth und entfernte die Harpune. Das erzürnte Horus so sehr, dass er aus dem Nil auftauchte und ihr den Kopf abschlug, den er mit in die Berge nahm. Isis Leichnam verwandelte sich in eine Statue aus Feuerstein. Als Re von dieser Tat erfuhr, schwor er, dass er Horus finden und ihn für seine Tat bestrafen werde.

Das Auge des Horus

Eines Tages entdeckte Seth den schlafenden Horus in einer Oase, riss ihm die Augen aus und begrub sie in den Bergen, wo sie sich in Lotosblüten verwandelten. Seth hielt ihn für tot und verschwieg Re bei seiner Rückkehr Horus gefunden zu haben. Währenddessen fand die Göttin Hathor den weinenden Horus in den Bergen. Sie benetzte seine Augen mit Gazellenmilch und gab ihm durch Zauberkraft sein Augenlicht wieder. (In einer anderen Version stahl Seth das linke Auge des Horus, das den Mond verkörperte. Auch hier wurde das Auge wieder geheilt. In beiden Varianten wird das Auge nur in Einzahl erwähnt. Durch die Heilung gewann es an Stärke und war deswegen als "Auge des Horus" oder "Udjat-Auge" als Schutzamulett sehr populär.)
Isis kehrte bald darauf wieder ins Leben zurück.

Der Streit zwischen Re und Osiris

Thot überredete eines Tages Re, einen schmeichelnden Brief an Osiris in die Unterwelt zu schicken, um ihn um seinen Rat zu fragen. Osiris war entsetzt, dass man seinem Sohn so übel mitspielte. Ist er, Osiris, nicht derjenige, der die Götter mit Weizen und Gerste ernährt? Hat deswegen nicht sein Sohn Anspruch auf den Thron? Re aber behauptete, es gäbe auch Gerste und Weizen ohne ihn. Osiris wiederum unterstrich seine Macht dadurch, dass alle früher oder später in sein Totenreich einkehren müssen. Die Götter stimmten Osiris zu und dann waren sich alle einig, dass Horus der rechtmäßige Nachfolger seines Vaters ist. Seth wurde von Isis gefesselt vor Gericht gebracht und er gab aufgrund der misslichen Lage zu, dass der Thron Horus gehört. Seth erhielt als Entschädigung von Re einen Platz im Himmel, wo er sich als Donnergott am Gewitter erfreuen konnte. (In einer anderen Version wurde Seth in die Wüste verbannt, wodurch der Gegensatz zwischen Osiris als Fruchtbarkeitsgott und Seth als Sinnbild der Vertrocknung und Zerstörung deutlich wurde.)

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